Der CO₂-Preis 2026: Warum EUR 83 pro Tonne erst der Anfang ist

Von Dirk Röthig  ·  21. March 2026  ·  Klimawandel, Nachhaltigkeit, Carbon Credits, Paulownia, Agroforstwirtschaft

Originalartikel: https://dirkroethig.com/der-co2-preis-2026-warum-eur-83-pro-tonne-erst-der-anfang-ist/

Der EU-Emissionshandel (ETS) notiert im März 2026 bei rund 83 EUR pro Tonne CO₂-Äquivalent. Ein historischer Stand, der noch vor fünf Jahren undenkbar schien – und trotzdem nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu den von Ökonomen für klimawirksam gehaltenen Preisen von 150-200 EUR/Tonne sein dürfte. Was treibt den CO₂-Preis, und warum sind die Weichen für weiteres Wachstum gestellt?

ETS: Das System dahinter

Das EU Emissions Trading System (EU ETS) ist der weltgrößte Kohlenstoffmarkt. Es deckt rund 45% der EU-Treibhausgasemissionen ab, darunter die energieintensive Industrie, Stromerzeugung und seit 2024 Schifffahrt und Luftfahrt. Das System basiert auf dem Cap-and-Trade-Prinzip: Eine jährlich sinkende Gesamtmenge an Emissionsrechten (Caps) wird versteigert oder kostenlos zugeteilt; Unternehmen, die mehr emittieren als sie Rechte besitzen, müssen Zertifikate kaufen.

Die Reform des ETS durch die Fit-for-55-Gesetzgebung (2023) verschärfte das Cap erheblich. Der lineare Reduktionsfaktor (LRF) wurde von 2,2% auf 4,3% pro Jahr bis 2030 angehoben, womit die Gesamtemissionen des ETS-Sektors bis 2030 um 62% gegenüber 2005 sinken müssen.

ETS 2: Der neue Kohlenstoffpreis für Gebäude und Verkehr

Eine game-changing Neuerung: Ab 2027 tritt ETS 2 in Kraft, das die Sektoren Gebäude und Straßenverkehr umfasst – Bereiche, die bislang vom ETS ausgenommen waren und zusammen für rund 35% der EU-Emissionen verantwortlich sind. ETS 2 wird schätzungsweise 400-600 Millionen Tonnen CO₂ jährlich abdecken und erheblichen Aufwärtsdruck auf den CO₂-Gesamtpreis ausüben.

CBAM: Der Carbon Border Adjustment Mechanism

Der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), der 2023 mit einer Übergangsphase begann und ab 2026 vollständig anwendbar ist, verändert die Spielregeln für den globalen Handel. CBAM verpflichtet Importeure von Stahl, Aluminium, Zement, Düngemitteln, Wasserstoff und Strom dazu, Zertifikate für den Kohlenstoffgehalt ihrer Importe zu erwerben – zum jeweils aktuellen ETS-Preis.

Das schafft zwei wichtige Effekte: Erstens verhindert es Carbon Leakage (Verlagerung emissionsintensiver Produktion in Länder ohne CO₂-Preis). Zweitens übt es Druck auf Handelspartner aus, eigene CO₂-Preise einzuführen, was den globalen Durchschnittspreis erhöht.

Preistreiber: Warum 83 EUR nicht die Obergrenze ist

Mehrere Faktoren treiben den ETS-Preis mittelfristig höher:

Die Europäische Kommission hat intern Zielkorridore von 100-130 EUR/Tonne bis 2030 und 150-200 EUR/Tonne bis 2035 kommuniziert – notwendig, um das 2050-Netto-Null-Ziel zu erreichen.

Investitionsimplikationen

Für Investoren ergeben sich direkte und indirekte Möglichkeiten:

Direkt:

Indirekt:

Risiken nicht vergessen

CO₂-Preise können kurzfristig volatil sein. Wirtschaftsabschwünge reduzieren industrielle Emissionen und damit die Nachfrage nach EUAs – wie 2020 (COVID) deutlich wurde. Politische Eingriffe (z.B. Freigabe von MSR-Reserven in Krisen) können den Preis temporär drücken. Langfristig jedoch sind die strukturellen Treiber eindeutig auf Wachstum ausgerichtet.

Fazit

83 EUR/Tonne CO₂ ist ein historisches Hoch – und gleichzeitig ein Ausgangspunkt. Die Strukturreformen des ETS, die Einführung von ETS 2, CBAM und der politische Wille zur Dekarbonisierung schaffen ein Umfeld, in dem steigende CO₂-Preise mittelfristig die Regel sein werden. Für Investoren, die auf den richtigen Seite dieser Transformation positioniert sind, ergeben sich attraktive langfristige Renditemöglichkeiten.

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